Wer sich im Prozessmanagement (Business Process Management; BPM) weiterbilden möchte, steht schnell vor einer zentralen Frage: Welche Zertifizierung ist die richtige? Das Angebot ist gross – von Lean Management über Six Sigma bis beispielsweise hin zu Process Mining. Wer jedoch eine umfassende Qualifikation im BPM anstrebt, begegnet vor allem zwei international anerkannten Programmen: ABPMP und OCEB 2.
Doch worin unterscheiden sich die beiden Zertifizierungen? Und welche eignet sich für welche beruflichen Ziele?
Was sagt eine Zertifizierung aus?
Zertifizierungen können Fachwissen nachweisen und – je nach Programm – auch praktische Berufserfahrung dokumentieren. Sie ersetzen jedoch weder erfolgreiche Projekte noch persönliche Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit oder Führungserfahrung.
Grundsätzlich können Zertifizierungen drei Bereiche bewerten:
- Fachwissen
- Praxiserfahrung
- persönliche Kompetenzen (nur selten)
Während sich Fachwissen objektiv prüfen lässt, ist die Aussagekraft über praktische Erfahrung naturgemäss begrenzt. Berufsjahre allein sagen noch nichts darüber aus, wie erfolgreich jemand Prozesse gestaltet oder Veränderungsprojekte umgesetzt hat.
Zwei etablierte Zertifizierungsprogramme
Im BPM existieren zahlreiche Zertifizierungen. Viele spezialisieren sich auf einzelne Methoden oder Technologien wie Lean Management, Six Sigma, Process Mining oder Robotic Process Automation.
Wer jedoch eine ganzheitliche Qualifikation im BPM anstrebt, begegnet vor allem zwei international anerkannten Programmen:
- ABPMP (Association of Business Process Management Professionals)
- OCEB 2 (OMG (Object Management Group) Certified Expert in BPM)
Beide Programme verfolgen unterschiedliche Ansätze und setzen verschiedene Schwerpunkte.
ABPMP – der praxisorientierte Ansatz
Die Zertifizierungen der ABPMP basieren auf dem Business Process Management Common Body of Knowledge (CBOK). Dieser beschreibt die wichtigsten Disziplinen des Prozessmanagements – von Prozessmodellierung und -analyse über Prozessorganisation bis hin zu Enterprise Process Management und BPM-Technologien.
Die aktuelle Version berücksichtigt zudem moderne Themen wie Process Mining, Robotic Process Automation, Künstliche Intelligenz und Machine Learning.
Das Zertifizierungsprogramm umfasst drei Stufen:
- CBPA – Certified Business Process Associate
- CBPP – Certified Business Process Professional
- CBPL – Certified Business Process Leader (derzeit im Aufbau)
Mit jeder Stufe steigen die Anforderungen an die Berufserfahrung. Für den CBPP sind beispielsweise mindestens vier Jahre Praxiserfahrung erforderlich, für den CBPL zehn Jahre. Zusätzlich muss die Zertifizierung durch regelmässige Weiterbildungen aufrechterhalten werden.
Der Fokus der ABPMP liegt auf einer ausgewogenen Kombination aus fundiertem Fachwissen und nachgewiesener Praxiserfahrung.
OCEB 2 – internationale BPM-Standards im Fokus
Das Zertifizierungsprogramm OCEB 2 der OMG verfolgt einen anderen Ansatz. Es basiert auf international etablierten BPM-Standards wie BPMN, DMN und CMMN.
Im Mittelpunkt stehen das methodische Verständnis dieser Standards und deren professionelle Anwendung in der Praxis. Die Zertifizierung ist in die Stufen Fundamental, Intermediate und Advanced gegliedert und wird durch fachliche sowie technische Spezialisierungen ergänzt.
Im Unterschied zur ABPMP ist keine praktische Berufserfahrung erforderlich. Der Schwerpunkt liegt klar auf theoretischem Wissen und der sicheren Anwendung internationaler Standards. Prüfungen und Fachliteratur sind bis dato primär auf Englisch verfügbar.
Welche Zertifizierung passt besser?
Die beiden Programme verfolgen unterschiedliche Ziele und sprechen verschiedene Zielgruppen an.
Die ABPMP eignet sich besonders für Fachpersonen, die ihre praktische Erfahrung mit einer international anerkannten Zertifizierung ergänzen möchten. Das vermittelte Wissen deckt das BPM in seiner ganzen Breite ab.
OCEB 2 richtet sich vor allem an Personen, die internationale BPM-Standards vertieft beherrschen möchten oder in einem internationalen beziehungsweise IT-orientierten Umfeld tätig sind. Der methodische Anspruch ist höher und der Fokus stärker auf Modellierungsstandards ausgerichtet.
Bedeutung für den Arbeitsmarkt
Auch die Wahrnehmung der beiden Programme unterscheidet sich je nach Branche und Arbeitsumfeld.
In der Schweiz geniessen die ABPMP-Zertifizierungen eine hohe Bekanntheit und werden von vielen Arbeitgeber:innen als anerkannter Qualifikationsnachweis betrachtet.
In IT-orientierten Unternehmen und international tätigen Organisationen besitzt dagegen die OMG aufgrund ihrer weltweit etablierten Standards und ihrer langjährigen Rolle in der Software- und Prozessmodellierung eine besonders hohe Glaubwürdigkeit.
Fazit
Eine Zertifizierung kann die berufliche Qualifikation sinnvoll ergänzen – sie ersetzt jedoch weder praktische Erfahrung noch persönliche Kompetenzen.
Die Entscheidung zwischen ABPMP und OCEB 2 sollte deshalb nicht davon abhängen, welche Zertifizierung grundsätzlich besser ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Kompetenzen nachgewiesen werden sollen und welche beruflichen Ziele verfolgt werden.
Wer seine praktische Erfahrung dokumentieren und eine im deutschsprachigen Raum etablierte Zertifizierung erwerben möchte, findet in der ABPMP eine passende Lösung. Wer hingegen internationale BPM-Standards vertieft beherrschen und methodisch fundiert arbeiten möchte, ist mit dem OCEB-Programm gut beraten.
Beide Programme leisten einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung des Prozessmanagements – allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Quellen und Praxiserfahrungen
Dieser Beitrag basiert auf den Erfahrungen von Dr. Stefan Michel, Inhaber und Geschäftsführer der Prozesslabor GmbH, sowie auf Informationen von Serge Schiltz, CEO der processCentric GmbH. Ergänzend wurden die offiziellen Unterlagen und Publikationen der ABPMP und der OMG berücksichtigt.
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